Notiz der Autorin: Diese Geschichte enthält viel Handlung, NonConsent-Elemente, BDSM (mit und ohne Zustimmung), Homosexualität (ff, mm), psychische und physische Folterbeschreibungen und eine Liebesgeschichte. Sie ist lang und entwickelt mit der Zeit einen verhältnismäßig komplexen Handlungsablauf. Wer auf der Suche nach einem Quickie ist – und das sind wir alle mal – sollte sich vielleicht noch einmal umschauen.

Für Jasmina. Dieser Teil gehört allein dir.

Kapitel 18

Ein klägliches Grinsen huschte über Alecs kalte Züge, während er seine drei Gäste betrachtete. Ihre sehnigen, langen Körper mit den dürren Gliedmaßen hatten es ihm im ersten Moment schwer gemacht zu erkennen, was sie waren. Wie alle Rassen, hatten auch sie sich mit der Zeit verändert. Wie gravierend die Unterschiede waren, war trotzdem verblüffend.

Doch Alec wusste, dass es die richtigen Berserker noch irgendwo gab. Irgendwo in der Welt lebten sie unentdeckt in ihrer ganzen kraftprotzenden, schwertschwingenden, kriegerischen Form, während diese Langbeine hier vor ihm die Drecksarbeit erledigten. Vielleicht hatte der König der Berserker, Lyon, ausgerechnet diese jämmerlichen Exemplare ihrer Gattung auch nur geschickt, um Alec nicht das Gefühl zu geben, dass er sich einer weiteren Kraft in der Welt der Dämonen stellen musste. Vielleicht wollte Lyon so zeigen, dass er hinter Alec stand und hatte deshalb keine angsteinflößende Meute von Riesen ausgesandt, sondern diese großen, dürren Wichte. Wer wusste das schon?

Die drei blassen Wesen bewegten sich gleichzeitig und verlagerten alle ihr Gewicht auf ihren linken Fuß. Auch wenn sie schmächtig wirkten, waren ihre Sinne immer noch übersensibel und registrierten jede Bewegung im Raum – und reagierten darauf. In ihren Adern floss das stahlharte Blut der Art, die wohl am schwersten akzeptieren konnte, dass die Vampire die Herrschaft über die Dämonen innehatten. Zahllose Male hatte Alec Seite an Seite mit Lyon gekämpft, doch mindestens genau so oft hatte der Herrscher der Berserker versucht sein Schwert zwischen Alecs Rippen zu stoßen.

Vielleicht waren diese drei Wesen eine Art Entschuldigung und eine Versicherung, dass er nach dem Chaos, das Damon angerichtet hatte, nicht vorhatte, Alecs Herrschaft in Frage zu stellen und ihn zu bedrohen. Tja, auch das wäre möglich. Und sogar sehr ratsam, wenn es stimmte, was diese Wesen ihm gerade erzählt hatten.

„Ein Engel?“ Alecs halbgares Grinsen blieb an seinem rechten Mundwinkel haften und zog ihn ein kleines Stück nach oben. „Im Knast von New Orleans?“

Alec sah, wie sich die Berserker leicht bei dem Klang seiner Stimme versteiften. Selbst auf jede seiner Handlungen reagierten sie gereizt. Offensichtlich waren diese drei Wesen nicht unbedingt vertraut damit, in einem Raum mit anderen Lebewesen zu sein.

„Ja“, meinte einer von ihnen knapp.

„Unsere Späher“, fügte das andere Wesen hinzu, „haben nicht viel mehr herausfinden können, außer dass sie sich in einem Verhörraum an der Ostseite befindet. Wir konnten nicht hineingelangen und die Sache bereinigen, weil die Kameras vor der Tür standen und sich hunderte Menschen mit Kerzen vor dem Revier aufgestellt haben. Im Revier selbst sind hohe Vertreter der Regierung. Wir konnten uns diese Aufmerksamkeit nicht leisten.“

„Lyon vermutet“, das lange Gesicht des dritten Berserkers verzog sich leicht, „dass die Feenwesen nun bei den Menschen Schutz suchen, bevor sie einen weiteren Krieg gegen uns anzetteln.“

Jede Amüsiertheit wich aus seinem Gesicht. Alec seufzte und lehnte sich in seinem Bürosessel zurück. Seine schwieligen Hände legten sich ruhig um die Mahagoniarmlehnen, um eine entspannte Haltung zu zeigen. Auch wenn alles sich in ihm beunruhigt zusammenzog.

Es wäre schon ironisch, wenn die Feenwesen wirklich bei den Menschen Zuflucht suchten und diese sie sogar beschützen wollten. Alec schloss einen Moment die Augen. Er wusste, dass die Existenz von Dämonen nicht unbedingt… gesundheitsfördernd für die Art der Menschen war. Doch selbst Damon, Morgana und seine Anhänger hatte niemals die Vernichtung der Menschheit angestrebt. Vielmehr wollte er über sie herrschen und sie zu Sklaven machen – aber eben nicht ausrotten. Die Gleichung war ganz einfach: Ein Dämon brauchte die Menschen. Sie gaben ihnen Nahrung. Ob es jetzt Blut oder einfach das Vorhandensein ihrer lebendigen Energie war, Dämonen brauchten die Menschen, um selbst zu überleben. Selbst Werwölfe existierten nur, weil sich ihr menschliches Erscheinungsbild aus der Existenz der Menschen gebildet hatte. Ohne ihr Überleben wären sie nichts weiter als überraschend intelligente Wölfe.

Feenwesen, besonders das Kriegsvolk der Engel, brauchten nichts von den Menschen. Sie zogen nur Vergnügen aus der Ausrottung ganzer Zivilisationen. Es war wie bei der Geschichte mit dem bösen und dem guten Engel, die auf zwei Schultern hockten und auf ihr einredeten. Nur dass es keinen guten, weißgefiederten Engel gab, sondern nur dunkle Flügel und scharfe Schwerter. Den Feenwesen wäre es egal, wenn die Erde eines Tages nur noch von Pflanzen bevölkert werden würde.

Und darum waren sie scheißegefährlich.

Vor einigen Jahrtausenden, als selbst Alec noch jung gewesen war, hatten die Feenwesen zusammen mit den Dämonen über das Chaos auf der Welt regiert. Die Menschen waren nur Spielbälle gewesen. Ganze Landstriche waren dem Erdboden gleichgemacht worden, weil irgendein Feenwesen oder ein Dämon Lust daraus zog. Doch dann änderte sich die Lage, als die Menschheit zu einem kläglichen Haufen zusammenschrumpfte.

Alec erinnerte sich nicht mehr an den Namen des jungen Mannes, der schließlich alles ändern sollte, obwohl er ihn laut über das Schlachtfeld gebrüllt hatte. Immer wieder. Doch er wollte ihm nicht mehr einfallen. Unter seiner Führung hatten die Dämonen begriffen, dass die Ausrottung der Menschheit auch ihr Aussterben bedeutete und sie hatten sich angepasst. Wie eine unsichtbare Hand hatten sie schützend über die Menschen gewacht und sich langsam untereinander organisiert. Der junge Mann hatte ihnen den Bluteid gezeigt und ihnen eine Hierarchie gegeben. Während der Wandel die ersten Früchte trug, kehrten schließlich die Feenwesen zurück.

Der Krieg war lang und blutig gewesen.

Die Dämonen hatten gesiegt, doch der Preis war ebenso bitter wie notwendig gewesen. Hunderte Rassen verschwanden spurlos; die ganze Erde war ein einziges Schlachtfeld. Auch der junge Mann starb in den Wirren des Krieges, doch sie hatten es geschafft. Die Welt der Feenwesen war zerschmettert worden. Als sich dann auch noch Gerüchte über das Ausbleiben des Nachwuchses bei den Engeln, Elfen und Nymphen bestätigten, endeten die letzten Kämpfe. Die Feenwesen waren besiegt. Endgültig, ohne Wiederkehr.

Wie lange hatte Alec nicht mehr über die Alten Zeiten nachgedacht? Fast zwei Jahrtausende, wenn er sich richtig erinnerte. Das letzte Mal, als er sich mit den kriegerischen Engeln auseinandersetzen musste, war zur Zeit der aufkommenden Christenheit gewesen. Noch heute füllten selbst die Seiten der Bibel einige Abhandlungen über Gottes gefallene Geschöpfe: Die Engel.

Doch es hatte nichts mit der laufend verändernden Religion der Menschheit zu tun. Engel waren nur eine Rasse der Feenwesen. Genau wie Vampire eine Rasse von Dämonen waren.

Wie zur Hölle passte also dieser Engel im Knast von New Orleans da rein? Hatten die Feenwesen sich erneut zusammengeschlossen, um einen Krieg anzuzetteln, wie es Lyon befürchtete? Wollten sie wirklich ihre vollkommene Ausrottung riskieren?

Und warum jetzt? Warum nicht vor ein Monaten, als die Welt der Dämonen noch geschwächt war durch das Chaos, das Damon auslöste? Warum hatten sie dann nicht zugeschlagen? Was erhofften sie sich davon, zu warten, bis das Chaos zerschlagen war und wieder Einigkeit unter den Dämonen herrschte?

Wenn die Feenwesen wirklich die Menschheit auf ihre Seite ziehen wollten, um gegen die Dämonen zu kämpfen, warum dann auf diese Weise? Weshalb zeigten sie sich der Öffentlichkeit erst jetzt und nicht vor tausend Jahren?

Die Dämonen konnten schließlich schlecht gegen ihre… nun, Nahrung kämpfen, wenn sie überleben wollten. Es hätte den Feenwesen schon viel früher einfallen können, sich mit den Menschen zusammenzuschließen. Vielleicht handelten sie allerdings erst jetzt, weil sie vor gut hundert Jahren noch als Heilsbringer und Gottes Gesandte von Dorf zu Dorf hätten reisen müssen, um ihre Aufgabe und den Krieg den Menschen zu erklären. Und sie dazu zu bringen, mitzumachen.

Heute, tja, heute reichte ein geschickter Auftritt vor einer Kamera und die Regierungen der Welt würden mit Freuden für die Engel ihre Armeen stellen, um das drohende Armageddon gegen die böse Dämonenwelt abzuwenden.

Das wäre verdammt schlecht. Und… clever.

Alec konnte sich keinen anerkennenden Laut verkneifen, auch wenn sich in ihm eine untypische Besorgnis ausbreitete. Der Plan wäre geschickt, wenn das tatsächlich die Absicht der Feenwesen war. Doch die Frage blieb immer noch: Warum jetzt und nicht während Damons Versuch der Machtergreifung? Das ergab keinen Sinn.

„Was sollen wir jetzt mit dem Engel tun?“

Alec hob den Blick und sah die drei Wesen verwirrt an. „Ihn töten natürlich. Bringt ihn um, bevor er sein Scheißgesicht in die Kamera zeigt.“ Alec zögerte und lehnte sich vor. „Ein Bombenanschlag auf das Polizeirevier wäre möglich. Die Menschen würden es irgendeinem Fanatiker einer Religion zuschreiben, die nicht an Engel glaubt.“

„Das wird einen Krieg unter den Menschen geben.“

Alec legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Gut. Keine Bombe.“ Er fuhr sich durch die Haare und massierte kurz seinen Nasenrücken. „Wir brauchen einen Einzeltäter, der später für die Tat gerade steht und die Öffentlichkeit von uns ablenkt. Einen menschlichen Auftragskiller. Wir müssen ihm nur zeigen, wie er einen Engel umbringen kann.“ Denn das war bei weitem nicht so einfach wie den Tod eines Menschen oder eines Dämons zu arrangieren. Alec seufzte. Selbst wenn es dem Menschen gelingen sollte, den Engel umzubringen, würde sich die Öffentlichkeit immer noch fragen, was es mit dem Engel auf sich hatte.

Alec wollte gerade vorschlagen, alle Zeugen zu beseitigen und Gerüchte über ein Halluzinogen im Trinkwasser in den Medien zu verbreiten, als er zögerte. Nun, die Menschen würden es im schlimmsten Fall für einen Gottesbeweis halten, dass er einen Engel als Zeichen seiner Liebe geschickt hatte, und im besten Fall würden sie die Gesetze für Genmanipulationen verschärfen.

„Macht einfach einen abgeschlossenen Fall draus“, erklärte er schließlich und verabschiedete die drei Wesen mit einem knappen Nicken. Sie gingen mit gesenkten Köpfen und angespannten Muskeln durch die Tür und schlossen sie.

Einen Moment sah Alec die Tür an. Er sah sie einfach nur an. Als erwarte er jeden Moment, dass sich ein eisblonder Schopf hineinschob und irisierend blaue Augen seinen Blick suchten. Für ein gnädige Minuten hatte er seinen Geist mit etwas ablenken können. Mit Berserkern und Feenwesen, doch nun war er allein im Raum. Einfach allein.

Übergangslos benetzten Tränen seine Wangen. Er konnte es nicht aufhalten, konnte es nicht stoppen. Fahrig wischte er die Tränen weg, doch sie wollten nicht versiegen. Langsam tropften sie von seinem Kinn und zerplatzten auf seinem Pullover. Er wischte sie fort. Zuerst unsicher, dann verstört. Es hörte nicht auf. Mit zusammengebissenen Zähnen richtete er seinen Blick auf die Papiere, die vor ihm lagen, doch die Wörter verschwammen unter den Tränen. Er schlug sich auf die Wange. Einmal, härter ein zweites Mal. Er musste stark sein; musste immer stark sein. Grausam und unerbittlich. Doch die Tränen perlten weiter von seinen Wangen. Er rang zitternd nach Atem und schloss die Augen, um die Tränen abzupressen. Seine Lider begannen zu brennen, als er mit dem Handballen darüber wischte. Doch die Schleusen waren geöffnet und ließen sich nicht mehr schließen. Obwohl es Nacht war und jederzeit jemand in den Raum kommen konnte; ihn sehen konnte. Ihn und diese Schwäche, diese lächerlichen Tränen. Jetzt war er nicht allein in seinem Bett bei Tag. Doch er konnte es nicht aufhalten. Keine Gewalt half, als er sich erneut ins Gesicht schlug. Kein Konzentrieren auf seine Arbeit.

Er weinte einfach. Zuerst leise, dann lösten sich die ersten zitternden Laute aus seiner Brust. Seine Handballen und Fingerknöchel wurden nass, als er immer wieder über seine Lider wischte. Verstört. Wütend. Er wollte nicht weinen. Nicht jetzt. Nie.

Es war wie ein Symbol. Wenn er weinte, wenn er richtig trauerte, wurde es irgendwie real. Real, unabänderlich, absolut. Er rang erneut nach Atem, doch dann ließ sich der Gedanke nicht mehr wegschieben. Der Gedanke war da mit all den wunderschönen Erinnerungen, egal wie hart er kämpfte und um Beherrschung rang. Er war da. Überall in seinem Kopf. Die Tränen brannten sich erbarmungslos ihren Weg frei, als er es zuließ und es ihn innerlich zerbarst.

Grace.

Sein zerreißendes Schluchzen fand ein Echo im sonst leeren Raum. Alec vergrub das Gesicht in den Händen und beugte sich über den Schreibtisch, während sein Körper geschüttelt wurde von den bebenden Atemzügen und verzweifelten Schluchzern. Sie war nicht mehr da. War einfach nicht mehr da. Dabei brauchte er sie doch. Er brauchte sie so sehr.

Seine Brust schmerzte bei jedem Atemzug, während die Tränen einfach weiterflossen. Aus seinen brennenden Lidern quollen und zwischen seinen Fingern versickerten. Er wiegte sich leicht, als könne er so den Schmerz irgendwie mindern, doch er ging nicht. Er ebbte nicht einmal ab. Heiße Tränen fielen auf seine Papiere, vermischten sich mit der Tinte und bildeten Muster, als sich das Papier tränkte und vollsog. Und er konnte rein gar nichts dagegen unternehmen.

*

Holly rührte langsam in ihrem Kaffee. Er schmeckte ihr nicht. Wie alles, was sie zu sich nahm außer Blut, schmeckte es einfach nicht. Es hatte zwar noch bis zu einem gewissen Grad den Geschmack von früher, aber es war kein Genuss mehr dabei. Kein Zergehen auf der Zunge mehr. Keine Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Es war wie Watte essen. Nur ohne das Gefühl, dass sich der Bauch füllt und einem irgendwann schlecht werden konnte, weil man sich den Magen voll mit Süßigkeiten gestopft hatte. Dieses volle Gefühl im Bauch, dieses leise schlechte Gewissen und trotzdem diese totale Befriedigung mit der man sich ins Bett legen will… blieb einfach aus.

Wenn sie allerdings Blut trank… Es schmeckte wie früher. Es hatte sich nicht in rotes Ambrosia verwandelt, das nach Zimt, Honig und Milch schmeckte, sondern hatte immer noch diesen metallischen, durchdringenden, klebrigen Geschmack. Aber es war irgendwie nicht ekelig, sondern warm, weich und sättigend. Trotzdem war es nicht mit flüssiger Schokolade vergleichbar. Weil Schokolade gut schmeckte, während Blut eben Blut blieb. Aber auf eine sättigende Weise tatsächlich wirkte und diese Gier eindämmte.

Diese Gier nach Blut, nach Tod, nach Mord, nach Grausamkeit. All das und mehr. Holly sah zwar nicht plötzlich in jedem Menschen eine Nahrungsquelle, aber, nun, in den meisten schon. Und jedes Mal, wenn sie sich dazu entschloss von einem Menschen zu trinken, wuchs diese Gier in ihr ein bisschen an. Bis sie befriedigt war, zumindest zu einem kleinen Teil, und sie von dem abließ, war es regelrecht eine Besessenheit, die sie ergriff.

Während Blut ihren Mund füllte, schnappte die Besessenheit zu und lockte sie. Es war wie ein Taumel, der sie anzog und abstieß. Dieser seltsame Wunsch zu morden. Als sei das Leben in ihren Armen, das sie beim Trinken festhielt und das so entzückend zuckte, nur dafür geschaffen worden, dass sie es auslöschte.

Und dieser Wunsch war nicht quälend. Sie musste nicht dagegen ankämpfen. Es war nicht wie bei einem Menschen auf Diät, der vor einem Süßigkeitenregal stand und der sich nur mit Mühe abwenden kann. Es war eher, als würde man den letzten Zug von einer Zigarette zwar gern nehmen, aber er würde grässlich nach verbranntem Filter schmecken. Deshalb ließ man es und nahm sich lieber eine neue Zigarette. So war diese Gier. Sie war anwesend, aber nicht bestimmend. Sie gehörte zu ihr, aber lenkte sie nicht.

Außer, sie trank gar kein Blut.

Sie hatte es bisher noch nicht ausprobiert, doch sie merkte, wie die Gier in ihr an Macht gewann, sobald sie ihr Zeitfenster zum Trinken überschritt. Lukan hatte ihr erklärt, dass es besser werden würde, je älter sie wurde. Und so, wie es aussah, würde sie wirklich, wirklich alt werden.

Die Milch ihrem Kaffee drehte sich leicht im Kreis, während um sie herum langsam die ersten Frühaufsteher und Partygäste das Diner betraten und es mit Leben füllten. Es war nur ein kleiner Laden an der Ecke. Er nahm nicht einmal die Hälfte ihres eigenen Ladens an Platz ein. Nur ein langgezogener Tresen an der linken Seite, vom Eingang aus gesehen, bildete das Refugium der Besitzerin. Die rechte, schmale Seite des länglichen Raumes war mit Viersitzern aufgefüllt. Gegenüber vom Eingang war nur eine schmale Tür, die mit einem Schildchen ihre Berechtigung als Unisexklo auswies. Daneben war ein Loch in der Wand, die als Durchreiche für den Koch fungierte. Es war weder schick noch gediegen, weder alt noch neu, auch nicht richtig sauber. Es war… typisch. Ein typisches Diner. Die Raumaufteilung änderte sich vielleicht, aber irgendwie war es immer dasselbe.

Es gab Kaffee, Pancakes, Eier, Würstchen, Pommes und Eintöpfe. Auf dem Tresen stand eine Reihe von Kuchenbehältern und unter dem dicken Plexiglas konnte man Donuts, Zitronenschnitten und Muffins betrachten. Eine Reihe von Kaugummiautomaten begrüßten neben der Eingangstür die Gäste und an der Wand hinter dem Tresen hingen zwischen Gläsern und Bechern ein paar ausgewählte Postkarten von allen Teilen der Erde. Die ältere Besitzerin hatte Freunde hier. Hier und in der ganzen Welt.

Hollys Blick richtete sich auf die ältere Frau. Sie war um die sechzig. Vielleicht ein paar Jahre älter. Ihr wahrscheinlich graues Haar hatte sie braun gefärbt, doch an der Stirn hatten sich einige Locken dem Färbemittel widersetzt. Ihre Lippen waren von tiefen Lachfalten eingeklammert und an ihren Augenwinkel zeigten scharfe Fältchen, dass sie oft Spaß hatte und viel lächelte. Doch auch ihre Stirn war von tiefen Einkerbungen geprägt. Ebenso oft, wie sie gelacht hatte, hatte sie über Bücher und Rechnungen gebrütet, hatte sich über unfreundliche Kunden geärgert und Teenager zurechtgewiesen. Sie hatte interessanten Menschen zugehört und dümmliche Betrunkene nach Hause geschickt. Hunderten Menschen hatte sie ihre nun von Altersflecken besprenkelte Hand gereicht und mit denselben Händen lächelnd das üppige Trinkgeld gezählt. Sie hatte über die Witze der Polizisten gelacht und selbst derbe Zoten gerissen. Sie hatte hunderte Schicksale über den Tresen ihres Diners verfolgt und wahrscheinlich noch mehr Menschen beeinflusst. Ihre Worte zählten etwas, wenn man sie um Rat bat. Sie war eine Königin hier. Eine Königin über ihr Reich.

Holly beobachtete sie stumm, wie sie erschöpft und müde so früh am Morgen einen Stuhl heranzog und sich über eine Zeitschrift beugte. Kein Ring blitzte an ihrem Finger auf, als sie die Seite umschlug und sich über die neusten Bikinitrends für den kommenden Sommer informierte. In ihren Zügen spiegelte sich eine tiefe Zufriedenheit, die schlechte Tage, blöde Kunden und den spießigen Lebensmittelkontrolleur überdauerte. Wenn Holly sie nun fragen würde, ob sie glücklich war, ob sie ihr Leben erfüllte, würde sie mit Ja antworten. Und sie würde es so meinen. Ihr Leben war perfekt für sie. Einfach perfekt.

Und sie lebte Hollys Leben, wäre an einem schicksalhaften Tag Lukan nicht in ihren Laden gekommen und hätte sich einen Milchkaffee bestellt. Holly hätte eines Tages genau so an ihrem Tresen gestanden, erfüllt von einer tiefen Zufriedenheit. Sie wäre glücklich gewesen.

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